Geschichte

Der Versailler Vertrag regelte neben der Wiedererrichtung Polens auch die Schaffung eines bis zu 90 km breiten Landstreifens (sogenannter Polnischer Korridor) zwischen Ostpreußen und dem Kerngebiet Deutschlands. Damit wurde die Provinz Ostpreußen quasi vom restlichen Reichsgebiet abgeschnitten. Im Jahr 1936 schlug der Oberfinanzpräsident von Ostpreußen, Franz Tiesler, dem Reichsfinanzministerium die Errichtung einer Zollschule für 200 Schüler in seinem Bereich vor. Dies wurde unter anderem mit der geografischen Lage, der rund um Ostpreußen verlaufenden Reichsgrenze, organisatorischen Schwierigkeiten bei der Ausbildung im Kerngebiet des Reichs und dem Wunsch nach wirtschaftlicher Unterstützung begründet. Das Ministerium war für den Vorschlag zugänglich, worauf in der Folgezeit mögliche Standorte erkundet wurden. Hierbei galt es vorhandene Gebäude zu nutzen, um die hohen Kosten für Neubauten zu vermeiden.

Lyck (heute Ełk, Polen)
Die zunächst als vorübergehender Standort ins Auge gefasste ehemalige Fliegerstation Rothof bei Lyck schied im April 1937 wegen der mit 15 km zu kurzen Entfernung von der Grenze und dem erheblichen Aus- und Umbaubedarf aus.

Eydtkuhnen / Eydtkau (Tschernyschewskoje in Russland)
Der Oberpräsident (Kurzform von Oberregierungspräsident) und Gauleiter von Ostpreußen, Erich Koch, unterstützte die Ansiedlung einer Zollschule, verfolgte jedoch eigene Pläne. Aus seiner Sicht war das grenznahe Eydtkuhnen (1938 in Eydtkau umbenannt) der geeignete Standort. Gründe dafür waren die wirtschaftlich anscheinend sehr ramponierte Lage der Stadt, sowie dass dort im Gegensatz zum restlichen Ostpreußen keine Wohnungsnot herrschte und somit Schulgebäude und Lehrerwohnungen vorhanden waren. In der Grenznähe sah Koch sogar einen Vorteil. Der Regierungspräsident von Gumbinnen sowie der Bürgermeister von Eydtkuhnen untermauerten den Vorstoß mit einer umfangreichen Studie im Mai 1937, das Ministerium lehnte den Vorschlag allerdings im Juni ab.

Nikolaiken (Mikołajki, Polen)
Tiesler war in der Zwischenzeit nicht untätig und präsentierte wenige Tage nach Kochs Vorschlag Eydtkuhnen den Ort Nikolaiken als seinen Favoriten und konnte über abgeschlossene Verhandlungen mit der Stadt und dem Grundstückseigentümer berichten. Da es seiner Meinung nach in ganz Ostpreußen keine für die Schule nutzbaren Gebäude gab, stimmte das Reichsfinanzministerium dem Vertrag zu, auch wenn die Gebäude noch zu errichten waren. Das 17 Morgen (knapp 7 Hektar) große Grundstück lag direkt am Nikolaiken-See und wurde dem Landwirt Johann Smollich von der Stadt für 9.000 RM und die Bereitstellung eines doppelt so großen Grundstückes an anderer Stelle abgekauft.
Oberpräsident Koch schien hierüber im Dezember 1937 erbost, sah er doch an anderen Orten einen stärkeren Bedarf für wirtschaftliche Stützung, auch würde ein Neubau den Kurort Nikolaiken verschandeln. Darüber hinaus teilte er mit, dass die Wahl von Nikolaiken gegen das öffentliche Interesse verstoße und im Zweifel lieber auf die Errichtung einer Zollschule in Ostpreußen verzichtet werden sollte.

Woran es auch gelegen haben mag, die Schule wurde nicht errichtet. Damit blieb das schlesische Waldenburg der östlichste Standort und alle nach Kochs Schreiben errichteten Zollschulen (Berlin, Flensburg, Lochau, Mölln) nutzten bereits vorhandene Gebäude.