Vorgeschichte

Der Zollgrenzschutz sicherte in Friedenszeiten die (Zoll-)Grenze und sollte im Wesentlichen illegale Grenzübertritte und Schmuggel verhindern. Im Rahmen von möglichen Konflikten mit den Nachbarländern war er darüber hinaus in die militärische Verteidigung eingebunden und hatte Vorgänge jenseits der Grenze zu überwachen sowie Spione, Saboteure usw. an der Grenze zu verhaften. Dabei diente er der Wehrmacht als Informationsquelle und riegelte mit dem Verstärkten Grenzaufsichtsdienst (VGAD) in Krisenzeiten die Grenze ab, bzw. griff als Teil der Grenzwacht militärisch ein. Unter diesen Voraussetzungen war der Zollgrenzschutz in den Jahren 1938 und 1939 bei allen Gebietsvergrößerungen des Deutschen Reichs eingesetzt:

  • Österreich (März 1938)
  • Sudetenland (Oktober 1938)
  • Rest-Tschechei (März 1939)
  • Memelland (März 1939)

Diese Rolle übernahm er auch beim Überfall auf Polen im September 1939. Sieht man von den Scharmützeln während der Sudetenkrise 1938 ab, handelte es sich für den Zollgrenzschutz um die erste militärische Auseinandersetzung, wobei es in den ersten Kriegstagen zu insgesamt 11 Toten und zahlreichen Verwundeten kam.

 

Das Ehrenmal

copyright: www.zollgrenzschutz.deAm 11.05.1941 enthüllte Reichsfinanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk im niederschlesischen Fraustadt (heute Wschowa/Polen) das Ehrenmal für den schlesischen Zollgrenzschutz. Es wurde durch Spenden finanziert und war den 4 gefallenen Zollgrenzschützern des Oberfinanzpräsidiums Niederschlesien aus dem September 1939 gewidmet. Das Ehrenmal stand ca. 500m vom Rathaus entfernt im historischen Zentrum der Stadt an einem ehemaligen Turm der Stadtbefestigung, der inzwischen als Glockenturm der evangelischen Kirche Kripplein Christi diente. Fraustadt lag ab 1920 unweit der deutsch-polnischen Grenze, nachdem die benachbarte deutsche Provinz Posen gemäß Versailler Vertrag an Polen gegangen war. Der Ort wurde als Aufstellungsort für das Ehrenmal ausgesucht, weil das Grenzgebiet in der Region ein wichtiges Aktionsfeld des Zollgrenzschutz während des Polenfeldzuges darstellte, in dem der Zollgrenzschutz mehrere Opfer zu beklagen hatte. Der ehemalige Wehrturm sollte als Symbol für die Wehrhaftigkeit des Zollgrenzschutz gesehen werden, in dessen Nähe zudem einer der zu ehrenden Zöllner fiel.

Der Bildhauer Josef Hübner aus Breslau schuf das 3,60m hohe Ehrenmal aus gelbem schlesischem Natursandstein.
Oben befand sich ein rechtsblickender Adler mit seitwärts zeigenden Flügeln und mit Halbmond sowie Kreuz auf der Brust. Er ahmte damit das Schlesische Bewährungsabzeichen (Schlesischer Adler) nach, das deutsche Freikorps-Angehörige von 1919-21 für Kämpfe gegen polnische Aufstände in Schlesien erhielten. Mit den seitwärts zeigenden Flügeln schlug das Ehrenmal gleichzeitig eine Verbindung zum sogenannten Parteiadler der NSDAP, wobei auf dem Abzeichen die Flügel nach unten zeigten. Während das Abzeichen in den Klauen die Inschrift Für Schlesien trug, hielt sein Pendant am Ehrenmal eine schlesische Krone, praktisch aber mit der selben Bedeutung.
Darunter stand ein 1,90m großer Zöllner mit Blickrichtung nach Osten zur ehemaligen Grenze in kampfbereiter Pose, ausgestattet mit Dienstmütze, Mantel, Schulterriemen, Koppel und Gewehr.
In Kopfhöhe befand sich die Inschrift Dem schlesischen Zollgrenzschutz. Auf dem Stein unter seinen Füßen stand An Schlesiens Grenze fielen im Zolldienst September 1939, darunter waren auf einer großen Platte die Namen der 4 Gefallenen zu lesen, die von Darstellungen aus dem Zöllnerleben eingerahmt wurden. Klassische NS-Symbole wie das Hakenkreuz waren nicht vorhanden.

Obwohl in der Inschrift dem schlesischen Zollgrenzschutz gewidmet, ging es um die 4 Gefallenen des Oberfinanzpräsidiums Niederschlesien, die beiden am 01. und 03.09 in Oberschlesien gefallenen Angehörigen des Oberfinanzpräsidiums Troppau blieben außen vor.

  • Paul Dreher, +01.09.1939, Steuerwachtmeister bei der Zollaufsichtsstelle Röhrsdorf (Redziny/Polen), er trat nahe der Grenze bei einer Erkundung auf eine polnische Mine
  • Reinhold (oder Richard) Günther, +01.09.1939, Zollassistent bei der Zollaufsichtsstelle Ostweide (heute Lupice/Polen), er fiel bei einem Feuerkampf mit einem polnischen Zollamt
  • Hermann Mußmann, +02.09.1939, Zollassistent bei der Zollaufsichtsstelle Geyersdorf (Debowa Leka/Polen), er fiel beim Gegenangriff der Polnischen Armee über die Grenze auf Fraustadt durch Artilleriebeschuss bei der Ablieferung einer spionageverdächtigen Person
  • Kurt Sailer, +02.09.1939, Zollanwärter bei der Zollaufsichtsstelle Sulkau (Sulkow/Polen), er wurde von einem polnischen Panzerwagen erschossen, als er volksdeutschen Flüchtlingen den Weg zur Grenze wies

Von den Toten fielen 3 auf polnischem Gebiet, demnach scheint der Zollgrenzschutz aktiv in den Überfall involviert gewesen zu sein.

Am Abend vor der Einweihung fand auf Einladung des Oberfinanzpräsidenten von Niederschlesien, Georg Wapenhensch, ein Kameradschaftsabend des Zollgrenzschutzes statt. Bei der Enthüllung stellten Zollgrenzschutz, Wehrmacht, Gendarmerieschule Fraustadt, NSDAP, SA, SS, NSKK und HJ Abordnungen, darüber hinaus waren Familien der Gefallenen anwesend.
In seiner Einweihungsrede setzte Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk den Zollgrenzschutz mit Soldaten gleich und sah eine kontinuierliche militärische Historie seit den Grenzkämpfen mit der Tschechoslowakei von 1938 bis zum Krieg mit Frankreich. Er sah die Zollgrenzschützer bereit, das Leben einzusetzen für Großdeutschland und den Führer. Ferner stellte der Minister fest, dass das Ehrenmal zwar dem "schlesischen" Zollgrenzschutz geweiht ist, [...] doch auch als Ehrenmal für den Zollgrenzschutz überhaupt gelten kann.

 

Bewertung

Die Skulptur fügt sich ein in die Kunstauffassung der NS-Zeit mit heroischen und stets kampfbereiten Protagonisten auf monumentalen Denkmälern. Auf den zweiten Blick ergeben sich allerdings einige Ungereimtheiten: die Kopfhaltung des Zöllners ist unnatürlich, das Gewehr ist viel zu kurz und der Uniformmantel erinnert in seiner Breite eher an einen Rock. Über den Künstler lässt sich nicht viel finden, unbekannt war er jedoch nicht und gestaltete u.a. 1938/39 die Großplastik am Freikorpsehrenmal in Annaberg.

Das Zollgrenzschutz-Ehrenmal wurde erst über 1,5 Jahre nach den Todesfällen errichtet. Komplett durch Spenden finanziert, scheint es sich nicht um ein durch das Ministerium oder Zollbehörden vorangetriebenes Projekt gehandelt zu haben. Der Eindruck verfestigt sich, steht das Denkmal doch ziemlich abseits, fast hinter einer Kirche versteckt, am Rand des Ortskerns. Dennoch waren bei der Einweihung mit dem Reichsfinanzminister und dem Oberfinanzpräsidenten höchste Behördenvertreter zugegen. Einerseits bot diese Inszenierung die Möglichkeit, eine gewisse Öffentlichkeit für die Leistungen und Opfer des Zollgrenzschutzes zu schaffen, der damals durch Auflösung bzw. von Vereinnahmung durch Wehrmacht und SS bedroht war. Andererseits konnte man sich damit die Deutungshoheit sichern und, wie in der Rede des Ministers, das Ehrenmal dem gesamten Zollgrenzschutz sowie Volk und Führer widmen. Ein derartiges Denkmal widersprach eigentlich dem Zeitgeist, wo die Volksgemeinschaft über dem Individuum stand, zudem wurde damit zum Zeitpunkt der Enthüllung nur 4 der bis dahin insgesamt ca. 20 Toten des Zollgrenzschutzes gedacht, was nicht im Sinne des Ministeriums sein konnte. Ein ähnliches Vorhaben ist von keinem anderen Einsatzgebiet bekannt.

Auffällig ist das Fehlen von klassischen NS-Symbolen, wenn man die Ähnlichkeit zum NSDAP-Parteiadler außer Acht lässt. Der Adler trug kein Hakenkreuz in seinen Fängen, sondern die schlesische Krone, was den Kampf für das vereinigte Schlesien in den Vordergrund rückte. Sofern das Ehrenmal damit auf einen mehr oder weniger unpolitischen Kampf für die Wiedervereinigung mit dem polnischen Teil Schlesiens anspielte, machte der Minister einen Strich durch die Rechnung. Er sagte klipp und klar, dass alle Opfer des Zollgrenzschutzes für Führer und Vaterland erbracht werden.

Die öffentliche Berichterstattung hielt sich in Grenzen, sie fand außerhalb Schlesiens nur wenig Widerhall und dann auch nur als Randnotiz. Damalige Zoll-Publikationen berichteten zwar ausführlicher, hielten die Erinnerung aber nicht wach. Von regelmäßigen Gedenkfeierlichkeiten ist bisher nichts bekannt und einschlägige Nachkriegs-Publikationen wie z.B. Der Zollgrenzdienst von Walter Eulitz erwähnen das Ehrenmal nicht.

 

Das Denkmal heute

Auch über 75 Jahre nach Kriegsende ist das Ehrenmal überraschend noch teilweise erhalten, obwohl derartige Gedenkstätten in Polen nach dem Krieg durchweg abgebaut oder zerstört wurden. Die Überreste stehen am Glockenturm der ehemaligen evangelischen Kirche Kripplein Christi (Zlobka Chrystusa) in Wschowa an der Ecke Kilinskiego / ks. Jozefa Rogalinskiego.

copyright: www.zollgrenzschutz.de

Die Überreste am Turm

copyright: www.zollgrenzschutz.de

Die "Blickrichtung" des Zöllners

copyright: www.zollgrenzschutz.de

Gegenüberstellung alter und jetziger Zustand: Adler und Zöllner wurden entfernt, der Sockel mit den Inschriften und den Abbildungen aus dem Zöllnerleben ist aber noch vorhanden

copyright: www.zollgrenzschutz.de copyright: www.zollgrenzschutz.de

Der Sockel wurde mit Verputz verfüllt, der an wenigen Stellen abgeblättert ist. Die rechte Darstellung ist inzwischen wieder gut zu sehen.

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