Vor einiger Zeit bekam ich eine Fotoserie von der Trauerfeier eines Zollgrenzschützers. Ungewöhnlich an den Fotos ist, dass kaum Zivilisten zu sehen sind, dafür aber insgesamt etwa 50 Uniformträger von Zoll, Polizei, Wehrmacht und NSDAP-Gliederungen. Das ließ darauf schließen, dass der Tote einen höheren Dienstgrad bzw. gesellschaftlichen Status hatte, oder dass die Todesumstände besonders waren. Die Nachforschungen waren schwierig und brachten eine Tragödie von vor genau 79 Jahren ans Licht, welche die Verwerfungen der damaligen Zeit auf den Punkt bringt und bei der es keine Gewinner gab.

Das Elsass war Jahrhunderte lang Streitpunkt zwischen Frankreich und Deutschland. Bis 1648 Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, gehörte es danach faktisch zu Frankreich, kam nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 zum Deutschen Kaiserreich, nach dem 1. Weltkrieg 1918 wieder zu Frankreich und nach dem Westfeldzug 1940 erneut zum Deutschen Reich. Es herrschte eine hochpolitische Situation, bei der Bevölkerungsteile die deutsche Herrschaft begrüßten und Andere die Rückkehr nach Frankreich anstrebten. Das Elsass wurde schnell dem Gau Baden angeschlossen und germanisiert, wobei die deutsche Zivilverwaltung meist nur wenig Fingerspitzengefühl bewies. Die reichsdeutsche Gesetzgebung galt auch im Elsass einschließlich der Wehrpflicht, der sich viele Betroffene durch Flucht in das bis 1942 unbesetzte Süd-Frankreich zu entziehen versuchten. Danach verblieb nur noch die Schweiz, wobei der Zollgrenzschutz Elsass die Außengrenzen bewachte.

In der Nacht auf Samstag den 13.02.1943 versuchte eine Gruppe von 18 Elsässern aus Ballersdorf und Umgebung in die Schweiz zu gelangen, um sich dem Wehrdienst zu entziehen, dabei wurden sie von einer zweiköpfigen Zollgrenzschutz-Streife des Bezirkszollkommissariats Sept in der Gegend um Obersept (heute Seppois-le-Haut) überrascht. Da die Gruppe auf Anruf nicht stehen blieb, machte die Streife von der Schusswaffe Gebrauch, was die teils mit Gewehren und Pistolen bewaffnete Gruppe erwiderte. In dem Feuergefecht starben der Hilfszollassistent Erich Hohnstein und 3 Elssser, die restliche Gruppe floh zurück. Laut der örtlichen NS-Presse soll der Tod Hohnsteins allerdings nicht durch die Schussverletzung eingetreten sein, sondern durch Gewehrkolbenhiebe auf den Kopf.
Der Vorfall musste die deutschen Behörden zwangsläufig auf den Plan rufen, welche die Gruppe überraschenderweise innerhalb weniger Stunden festnehmen konnten. Lediglich René Grienenberger konnte sich verstecken und einige Wochen später in die Schweiz gelangen. Schon am Dienstag den 16.02. tagte das Sondergericht Straßburg und brauchte nicht lange für sein Urteil, das auf Todesstrafe lautete. Obwohl der Todesschütze nicht ermittelt werden konnte, nicht alle bewaffnet gewesen waren und Minderjährige dazu gehörten, wurde die gesamte Gruppe dafür haftbar gemacht und bereits am folgenden Morgen im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof erschossen. Gnadengesuche hatte Gauleiter Robert Wagner abgelehnt, der ein Exempel statuieren wollte. Das Verfahren des Beteiligten Charles Muller war abgetrennt worden, um Gutachten über die Schuldfähigkeit einzuholen, als letzter der Gruppe wurde er anscheinend ohne Urteil am 24.02. im KZ erschossen.

Das Töten des Zöllners und das Mitführen von Waffen zog ganz natürlich eine gerichtliche Klärung für die Gruppe nach sich. Das Erschießen der 3 Elsässer war auf Konformität mit dem Gesetz über den Waffengebrauch des Grenzaufsichtspersonals der Reichsfinanzverwaltung zu untersuchen, darüber hinaus waren Vernehmung, Anklage und Verteidigung vorzubereiten. Dies alles benötigte Zeit, das jedoch schon am 4. Tag (einschließlich Wochenende) nach dem Geschehen gesprochene Todesurteil gegen 13 Personen macht nicht den Eindruck einer sorgfältigen Vorbereitung oder Prüfung jedes Einzelfalls. Die Art und Weise in der es zustande kam, dürfte die neutrale und vermutlich auch die deutsch-freundliche Bevölkerung schockiert und die anti-deutschen Teile in ihrer Haltung bestärkt haben. Die lokale NS-Presse berichtete mehrere Tage lang ausführlich, wobei der getötete Zöllner zur Randfigur wurde, dafür die Rechtfertigung des Urteils und die unverhohlene Drohung an Gegner mit weiteren Konsequenzen in den Vordergrund rückte. Interessanterweise wurde im Gegensatz zu ähnlichen Fällen darauf verzichtet, Hohnstein zum Märtyrer aufzubauen, selbst sein Name blieb unerwähnt.
Das Urteil dürfte aber auch im Kontext der katastrophalen Niederlage in Stalingrad von Anfang Februar und dem drohenden Zusammenbruch der Ostfront zu sehen sein. Die Siegeszuversicht in der Bevölkerung hatte dadurch einen herben Dämpfer bekommen und NS-Gegner schöpften wieder Hoffnung, jedenfalls konnte sich das Regime neben der militärischen Krise nicht auch noch Unruhe in der Heimat leisten und demonstrierte Härte um Zweifeln an der Autorität einen Riegel vorzuschieben. Insgesamt ist aber fraglich, ob das Urteil letztendlich die gewollte abschreckende Wirkung hatte und nicht eher kontraproduktiv wirkte. Das Geschehnis wurde allerdings schnell verdrängt durch die umfangreiche Berichterstattung zur Sportpalastrede von Joseph Goebbels am 18.02. und der zeitgleich einsetzenden Propaganda für den totalen Krieg.

Somit kamen innerhalb weniger Tage 18 Personen auf tragische Weise ums Leben:

13.02.1943 an der Grenze:
  • Aimé Burgy (Alter: unbek.)
  • Erich Hohnstein (Zöllner, 47)
  • Charles Wiest #1 (unbek.)
  • Ernest Wiest (unbek.)
17. & 24.02.1943 im KZ:
  • Camille Abt (weiblich, 31)
  • Aloyse Boll (28)
  • Charles Boloronus (18)
  • Justin Brungard (17)
  • Eugène Cheray (28)
  • Alfred Dietemann (18)
  • Aimé Felleringer (18)
  • Robert Gentzbittel (29)
  • René Klein (unbek.)
  • Henri Miehé (26)
  • Charles Muller (17)
  • Paul Peter (27)
  • Charles Wiest #2 (unbek.)
  • Maurice Wiest (unbek.)

Die 17 elsässischen Toten sind auf dem Ehrenmal in Ballersdorf verewigt, während Erich Hohnstein heute vergessen ist.

Erich Hohnstein war verheiratet, hatte einen Sohn und arbeitete im Zivilleben als Malermeister. Die Trauerfeier fand am 17.02.1943 am Hospital Saint Damien in Mülhausen (heute Mulhouse) statt, die Teilnehmer konnten bisher nicht identifiziert werden. Im Anschluss wurde der Sarg vom Trauerzug über die heutige Rue de la Montagne zum ca. 1km entfernten Bahnhof begleitet und dann per Zug nach Hannover gebracht, wo die Beerdigung am 22.02.1943 auf dem Friedhof Hannover-Linden stattfand.

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Der Sarg wird zur Vorderseite des Hospitals gebracht. Die beiden hinteren Sargträger sind offensichtlich verletzt oder verwundet, haben beide einen Fuß in Gips, den Arm unter dem Mantel am Körper angelegt und tragen unter dem Mantel einen Pyjama.
Rechts: Die heutige Ansicht.


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Ansprache eines Zöllners, möglicherweise der vorgesetzte Bezirkszollkommissar oder der Leiter des Hauptzollamts Mülhausen.
Rechts: Der untere Teil des Gebäudes wurde inzwischen umgebaut.


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Der Trauerzug verlässt das Gelände des Hospitals in Richtung Hauptbahnhof.
Rechts: Im Park des Hospitals steht heute ein Anbau.


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Auf der Rue de la Montagne, Hausnr. 11.


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Die Pont d'Altkirch am Bahnhof, vor dem Wagen marschieren eine Kapelle und eine Ehrenkompanie.